| Kurzgeschichten > Alltag |
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Sie tragen Trainingsanzüge, Turnschuhe, gefälschte Täschchen quer über die Brust. Frisuren wie frisch aus dem Katalog oder dem 3-D-Drucker. Blass vom Alkohol, weiss wie Papier. Jener auf dem Boden, schwarze Locken, etwas dunklere Haut, weisse Schuhe, bewegt sich nicht. Dann fordert einer ein Taschentuch. Jemand wühlt in einer Tasche, findet eines. Sie tupfen das Blut. Sekundenlang ist es still.
Hat jemand Wasser?, ruft einer mit hilfesuchenden Augen. Dann, plötzlich, steht der Jugendliche auf dem Boden auf. Wie der Blitz. Mein Gott denke ich…ist er auferstanden? Er hebt die Fäuste, torkelt. Einen Moment lang erwarte ich ein Messer. Heute haben sie doch alle Messer dabei. Aber er schreit nur. ….du Arsch, Sau, wieso hasst du mich? Warum du d… tan? Die Stimme bricht. Dann plumpst er schwer auf den Sitz, ringt nach Luft, wird kurz darauf ruhig. Der Blonde neben ihm spricht ruhig auf ihn ein, hält den Arm um ihn. Einer der Halloweenjungs schaut mich glasig an: «He, du da mit Brille! Siehst cool aus, willst n Bier?», lallt er.
Ich spüre, wie sich die Schultern verkrampfen. Ich schüttle nur den Kopf. Das Abteil riecht nach Angst und Alkohol. Der Zug fährt, als wäre nichts gewesen. Die Fahrt dehnt sich.
Zwei Stationen später steigen sie aus. Der Blonde stützt den Blutenden: «Ich bin bei dir, ich bleibe bei dir, hab keine Angst.»
Augenblicke später setzt sich der Zug ruckelnd wieder in Bewegung. Man spürt Erleichterung, ja ein Seufzen. Bier läuft in Tropfen am Fenster hinunter, Büchsen liegen oder rollen am Boden, niemand will sich dorthin setzen, wo die Burschen waren. Ich atme noch immer flach. Draussen nur Licht und fliegende Schatten. (c) Marc P Sahli
30. November 2025 |
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