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Mini-Urlaub im Bus
von Silvia Ittensohn >>
Zum Glück den früheren Bus genommen. Wegen der Baustellen. Wegen des Lärms. Wegen allem.
Natürlich kommt er verspätet.
Vier Haltestellen bis zum Bahnhof. Eine davon verschlingt fast eine Viertelstunde. Oben kreischen Eisenbahnräder. Unten drücken sich Autokolonnen durch einen Flaschenhals aus Beton. Niemand scheint sich darüber aufzuregen. Die meisten starren auf ihre Bildschirme.
Am Bahnhof ist der Anschluss bereits weg.
Neben mir schimpft ein italienischer Senior: «Mama mia. Cantiere ovunque.» Baustellen überall. Dazwischen deutsche Brocken: «Mehrwertsteuer. Baustellen. Katastrophe.» Seine Begleiterin lacht. Vielleicht über die Situation. Vielleicht über ihn.
Der nächste Bus verspätet sich ebenfalls.
Ein junger Mann steigt mit mir ein. Blaue Augen, schwarzes Haar. Rare Kombination. Angespannter Blick. Rastlose Bewegungen. Erst telefoniert er hektisch. «Arrivo.» «Più tardi.»
Dann wird er still. Für Sekunden. Dann ein Summen. Dann der Anfang eines Lieds: «Con te partirò. Paesi che non ho mai veduto …» – «Mit dir werde ich aufbrechen», singt er, «in Länder, die ich nie gesehen habe.»
Dabei fahren wir hier keine zehn Minuten durch die Stadt. Lassen Baustellen, Ampeln und verpasste Anschlüsse hinter uns.
«Auf Schiffen, über Meere, von denen ich weiß, dass es sie nicht mehr gibt.» Der Bus ruckelt weiter durch den Verkehr. Baustellen warten an der Endstation. Verspätungen auch.
Aber plötzlich klingt alles nach Aufbruch.
Als er meinen Blick bemerkt, lächelt er. «Singen», sagt er. «Besser als Stress. Nicht gesund. Singen besser als Wut.»
Er singt weiter. Von Schiffen. Von Meeren. Von Ländern, die noch auf uns warten.
Drei Haltestellen lang ist der verspätete Bus kein Bus mehr.
16. Juni 2026 |
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