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Kurzgeschichten > Alltag

Zwischen Lärm und Stille

von Silvia Ittensohn >>

Der Morgen hängt grau und feucht über der Stadt. Nebelstreifen. Baustellen. Verspätungen. Kein Anschluss – oder nur die übliche Lautsprechermelancholie: „Ihr Anschluss ist verspätet.“

Endlich das dumpfe Rollen des Busses. Innen die hektische Suche nach einem Sitzplatz; mein Rücken duldet heute keine kurvenreichen Experimente. Mitten unter kreischenden Kindern ein freier Platz. Ich flüstere meine Bitte einem dunkelhäutigen Mädchen zu. Im Lärm müsste diese untergehen. Doch die Sieben- oder Achtjährige schaut mich mit grossen, offenen Augen an. Nickt freundlich.

Der Bus humpelt und rumpelt an Baustellen vorbei. Das Mädchen blickt in seltener Ruhe zum Bildschirm, der Haltestellen oft verschweigt, aber Werbung und Kurznachrichten nie. Ich höre sie neben mir, den Blick zwischen mir und dem Bildschirm hin- und herdrehend, sagen:

„Hundert Milliarden.“
Unser Blick trifft sich. Was will sie mir sagen? Oder fragen? Über den Schirm hüpfen Wörter: Trump. Iran. Ultimatum. Sanktionen. Hundert Milliarden Dollar. Neben uns wird geschrien, gelacht, gestritten. Während sie liest.

Kurz vor dem Bahnhof dreht sie sich zu mir. „Ich muss hier aussteigen.“- „Ich auch“, sage ich.
Für einen Moment stehen wir gemeinsam auf. Dann verschwindet sie mit ihrer Kindertruppe im Menschenstrom des Bahnhofs. Der Morgen bleibt grau. Nur nicht mehr so grau wie zuvor.


16. Juni 2026
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