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Kurzgeschichten > Philosophie
Ist ein Chefarzt mehr wert als eine Reinigungskraft, weil sein Stundenansatz höher ist? Ist eine junge, gesunde Frau mehr wert als ein alter Mann im Pflegeheim? Ist ein Mensch mit Schweizer Pass mehr wert als einer, dessen Name am Telefon dreimal nachgefragt wird? Ist jemand, der Steuern bezahlt, mehr wert als jemand, der Unterstützung braucht? Der Markt würde vermutlich rechnen.
Vielleicht beginnt die Würde genau dort, wo das Rechnen aufhört.
Mehr wert, weniger wert.
Bei Jesaja heisst es: «Du bist kostbar und wertvoll für mich, und ich habe dich lieb.» Der Wert entsteht nicht durch Leistung. Er wird zugesprochen. Vielleicht war er schon immer da. Nicht erworben, deshalb auch nicht kündbar. Kein Bonus, der Ende Jahr ausbezahlt wird. Keine Auszeichnung für besondere Verdienste. Unantastbar, sagt man von der Würde.
Das ist ein grosses Wort. Ein Wort ohne Preisschild. Es behauptet, dass selbst der Mensch, der nichts leistet, nichts besitzt, nichts vorweisen kann, nicht weniger wird. Auch nicht der schuldige Mensch. Auch nicht der verwirrte. Auch nicht der sterbende. Seine Würde kann verletzt, missachtet und mit Füssen getreten werden. Verlieren kann er sie nicht.
Bei Gegenständen ist es anders. Sie können entwertet werden. Eine Tasse verliert ihren Henkel, ein Stuhl ein Bein, ein Radio den UKW-Empfang. Man stellt die Dinge vor die Tür, bringt sie in die Brocki oder wirft sie fort. Manchmal entdeckt jemand einen Mehrwert. Klebt das Stuhlbein, be-pflanzt die Tasse, hört mit dem alten Radio nur noch Rauschen und findet gerade dieses Rauschen schön.
Die Brocki gibt Dingen eine zweite Möglichkeit.
Menschen brauchen keine zweite Möglichkeit, um wieder einen Wert zu erhalten.
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