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Orchidee

von Harald (Tom) Gressel >>

Orchidee

Sie steht still, in sich am Ruhn.
Das Fensterbrett ist ihre Loge.
Schaut ins herbstliche Treiben,
scheint ohne Leiden.

Geschützt vor Wind und Regen,
entfaltet, in vollster Pracht,
hinter verschmutztem Glase.
Bunte Blätter draußen, auf vergilbtem Grase.

Drei schlanke Ranken,
mit vielen Blüten,
aus zu enger Schale,
aufgestiegen aus Erdentale.
?
Genügsam der Blick in das herbstliche Kleid,
umfangen von wohliger Wärme,
entfacht aus der Glut des offenen Feuers,
aus schlichter Hand, nicht teuer.

Sie schenkt Freude dem Auge, dem Blick.
Die Knospen und Blüten gedeihen.
Ist ihr Sein am Ende,
fallen sie ab – in meine Hände.

Es vergehen Tage, Wochen, langes Bangen.
Nur drei schlanke Ranken, ganz allein.
Meiner Achtsamkeit entgangen,
sprangen zarte neue Knospen hinein.

Draußen der letzte Schnee,
durchs noch verschmutzte Glas,
entsteht in enger Schale etwas Neu’ –
Buntes, farbenfrohes. Ich mich freu’.

Nur wenige Augenblicke, Tage später,
steht die gleiche Pracht erneut.
Schaut ins winterliche Treiben,
scheint ohne Leiden.

Sie lebt genügsam,
vom Blick aus dem Fenster,
manchmal Wasser, Luft genug –
lebt in enger Schale, sie ertrug.

Kein Busch, kein Baum, keine Blume,
lebt sie ihre eigne Zeit –
eine Orchidee,
und ich: es nicht versteh’.



19. November 2025
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