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Kurzgeschichten > Alltag

Frohe Botschaften

von Silvia Ittensohn >>

Die sympathische Frau in Weiß ruft mich auf. Heute wirkt sie stiller als sonst. Ein Rest von Nachdenklichkeit liegt in ihrem Gesicht, als trüge sie noch ein Gespräch mit sich herum. Nicht alle Botschaften sind rosafarben in einer solchen Praxis.
Im Untersuchungszimmer fragt sie nach dem Eindruck des kürzlichen Eingriffs. Ich beschreibe ihr fünf Frauen in Blau. Wie Engel hätten sie mich im Operationssaal umschwebt. Dann tauchte der einzige Mann auf – in der Rolle des Bösen. Mit der gemeinen Narkosespritze. Ich blinzle ihr verschmitzt zu. Sie lächelt zurück. Haha.
Die Untersuchung beginnt. Beine spreizen, Handschuhe rascheln, Instrumente klirren leise. Ein kaltes Metallgerät. Eine Situation, die Würde verlangt – und Humor nahelegt. Ich entscheide mich für Letzteren. Ihre warme Stimme gegen die metallische Kälte.
Dann folgt der Satz, der mit über siebzig keine Floskel mehr ist:
„Sie sind gesund. In einem guten Zustand.“
Ich atme aus. Lange schon muss ich die Luft angehalten haben. Die Atmosphäre löst sich – bei mir. Vielleicht auch bei ihr?
„Ich bin so dankbar“, sage ich. „In meinem Umfeld höre ich derzeit viele schlechte Diagnosen von Gleichaltrigen. Bis jetzt bin ich verschont geblieben.“
Nun lächelt sie offen. Es wirkt, als erleichtere sie das ebenfalls. Fast beschwingt sagt sie:
„Ja, gute Nachrichten sind fein.“
Mit über siebzig werden sie rarer.

Vielleicht leuchte ich in diesem Moment wie eines der Babys an der Wand – nur mit mehr Falten.
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