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Weitergehen
von Marc P Sahli >>
Manche Leute verliert man aus den Augen, weil Lebenswege sich unterscheiden, man kriegt Kinder, ist in einer Scheidung, hadert mit der Glatze oder der Midlifecrisis, und manche Leute verliert man auch aus den Augen, weil die eine oder andere Seite mit einem Stück Vergangenheit abgeschlossen haben will. Der gemeinsame Weg wurde im besten Falle trotz Socialmedia irgendwie getrennt, zerschnitten. Man hat sich eben unabhängig voneinander weiterentwickelt. Dies ist auch mir geschehen. Im schlechteren Falle meist. Im richtigen Leben.
Damals seit Jahren im Ausland lebend, ging ich immer seltener zurück in die Heimat, zu den Eltern, wo ich immer ein Bett hatte, mein Zimmer, Mutter immer wartete, bis ich endlich die Ferien dort verbrachte. Immerhin während den Ferien den Sohn sehen, der urplötzlich ins Ausland gegangen war, in die Ferne auswanderte. Und immer deutlicher wurden wir alle älter, die Eltern vom Alter gezeichnet, es stach mir ins Herz, wollte das Bild ausschalten. Auch wollte ich unbedingt mein ebenfalls unausweichliches Älterwerden ihnen vorenthalten. Ebenfalls ihre Stimmen wurden älter, eine halbe Oktave tiefer, zögernder vielleicht. Jedes Mal, wenn ich anrief aus dem sogenannten Ausland, nahm ich mir vor, künftig häufiger anzurufen. Und ich wusste sogleich: ich würde es nicht tun. Ich rief nicht an und litt darunter. Meine Anrufe blieben rar. Meine Mutter hob jeweils den Hörer ab (ja den Hörer!) und meldete sich scherzhaft z.B. mit ‘pronto’ oder ‘Krematorium Ofen 5’.
Ich erfüllte gegenüber den Eltern die Aufgabe, der Kinder irgendwann nachkommen müssen, der Aufgabe, undankbar zu sein. Zum Teil schien wirklich Undank in meinem Verhalten zu liegen. |
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