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Kurzgeschichten > Wahre Geschichten

Über das Einsteigen ins Auto eines völlig Fremden

von Marc P Sahli >>

In Moskau war ich viel mit den sogenannten «schwarzen» Taxis unterwegs. Schwarz hiess illegal, also keine offiziellen Taxis, einfach Leute, die andere Leute rumfuhren. Eine Art prähistorisches Uber, «avant la lettre».
Man stellte sich an den Strassenrand, hielt die Hand raus und wartete. Irgendjemand hielt fast immer. Dann bückte man sich zum offenen Fenster, sagte wohin man wollte und wartete auf die Preisnennung. Natürlich war der immer zu hoch. Also Hände verwerfen, «nein» und «viel zu teuer» sagen und runterhandeln. Was dabei hilft: Sprachkenntnisse, die man dabei auch vertiefen konnte. Und die Stadt kennen. Für sechs bis zehn Franken kam man damals ziemlich weit durch Moskau. Vor allem lernte man Leute kennen, denen man sonst wohl nie begegnet wäre. Manchmal erfuhr man während einer Fahrt ganze Lebenswelten.

So lernte ich Aventyan kennen.
Es war Winter 2014, draussen beim Tscherkisowsky Markt, wo sich viele Ausländer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion tummelten. Ich wollte nach Hause, ins Zentrum, und Aventyan hielt mit einem alten Mercedes, rostig, keine Elektronik, die Farbe verblichen.
Aventyan war Armenier, Jahrgang 1990, hatte kurze, schwarze, dichte Haare, ein Knabengesicht und trug ein T-Shirt. Eigentlich war nichts Auffälliges an ihm, nur dass er überhaupt nicht aussah wie einer, der Taxi fährt. Eher wie ein Banker, der zufällig Taxi fährt.

Ich erinnere mich, dass sogar Physiker oder Philosophen nebenher Taxi fuhren, um ihr Staatsgehalt aufzubessern, in diesem Moloch Moskau mit seinen davongaloppierenden Preisen. Und genau so ähnlich war es auch.
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