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Kurzgeschichten > Wahre Geschichten
Er sei vor zwei Jahren aus Armenien nach Moskau gekommen und habe für eine armenische Bank gearbeitet. Dann hätten Lizenzen für den Betrieb in Russland gefehlt, der Staat habe die Bank geschlossen und er sei seinen Job los gewesen.
Zurück nach Armenien wollte oder konnte er nicht.
Also kaufte er sich einen alten Mercedes und fuhr damit Leute durch Moskau. Aus einer Notlösung kann eine neue Freiheit werden.
Wir redeten auf Russisch. Ich verstand nicht immer alles, aber dafür die wichtigen Dinge umso besser. Im Moskauer Verkehr gehörte das grobe Fluchen zum Grundwortschatz, und die Fahrer hatten immer eine besondere Freude daran, wenn der Ausländer neben ihnen nicht nur verstand, was sie gerade dem Idioten vor ihnen an den Kopf warfen, sondern selber über ein gewisses nicht ganz jugendfreies Vokabular verfügte.
Im Radio lief billige Diskomusik und Musik aus dem Kaukasus. Auch das gehörte dazu.
Ein anderes Mal hielt Harutyun.
Ich kam von einem Besuch draussen, ausserhalb des Autobahnrings, und wollte nach Hause ins Zentrum.
Harutyun lebte seit 1988 in Moskau. Das war noch zu Gorbatschows Zeiten. Er war damals wegen des Konflikts um Bergkarabach nach Moskau gekommen, mehr weiss ich darüber nicht.
Harutyun war über fünfzig, sah aber älter aus; klein, dick, dunkle Haut, grobe Poren und eine Zahnlücke, mit der er mich freundlich angrinste. Sein Lada war ungefähr im gleichen Zustand wie er, vielleicht etwas schlechter.
Die Sitzüberzüge waren durchgescheuert und im Wagen stank es fürchterlich nach filterlosen Zigaretten und altem Schweiss, der sich über die Jahre tief in die Polster gearbeitet hatte. Harutyun selber roch nach Bier, Knoblauch und allem, was die armenische Küche sonst noch an Gewürzen hergibt.
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