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Kurzgeschichten > Wahre Geschichten
Er malte gut, und ich wollte auch so malen können. Auch er malte ein überwintertes Geranium im echten Berner-Rot, im Töpfchen vor einer Mauer. Ich nahm seine Bilder mit dem Auge des Hobbymalers wahr. Im gleichen Jahr malte ich selbst so ein Geranium im Tontöpfchen vor einer Mauer mit Spalt, die Vergänglichkeit symbolisierend, in Öl auf Leinwand, dunkel, ebenfalls im Berner-Rot — als wollte ich etwas festhalten, das ich damals als Teenager noch nicht verstand.
Heute hängen der Lauterburg aus dem Antiquitätengeschäft und der Schmid, den ich online entdeckte, in meinem Wohnzimmer, einander gegenüber, im Halbschatten. Nebeneinander geht nicht.
Sie beissen sich.
Es ist ein leises Beissen, wie bei zwei Erinnerungen, die nicht deckungsgleich sind. Wenn ich länger hinschaue, scheint die Luft zwischen ihnen dicker zu werden. Zwei Arten, die Welt anzusehen, stehen sich gegenüber und keines kann dem anderen weichen.
Und wenn ich vom einen zum anderen schaue, sehe ich nicht nur zwei Bilder, sondern eine Linie: das Kind im Klavierzimmer, der Lehrling im Fabrikgebäude, die Jahrzehnte danach, sie flossen einfach dahin. Die Bilder blieben irgendwo im Hintergrundgedächtnis, wie eine leise Melodie, die man nicht vergisst, und jetzt der Moment, in dem alles zusammenkommt.
Das Lauterburg-Geranium wirkt trotz seines Alters wie frisch gemalt. Sogar der Rahmen weist Farbspritzer des Bildes auf. Der Pinsel sucht, tastet, lässt Dinge offen. Die Pflanze steht nicht nur im Raum, sondern auch in einer kaum aussprechlichen Vergangenheit. Farben, die sich nicht festlegen, Grau-Braun im Blattgrün, Violett im Geranienrot, der Hintergrund hingeworfen, wie Erinnerungen, die sich verändern, je nach Betrachtungsperspektive. Das Bild wirkt geheimnisvoll fertig-unfertig.
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