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Das Schmid-Geranium steht im Licht des genauen Blicks, mit beiden Beinen auf dem Boden. Das Rot ruhig und verlässlich, das Berner-Rot der Geranien. Da sind Licht und Schatten aus einer Richtung berechenbar. Es ist, als hätte jemand lange neben dieser Pflanze gesessen und ihr vor dem Malen beim Wachsen zugesehen.
Beide Motive zeigen wohl über viele Jahre überwinterte Pflanzen; holzige Stängel, die Dunkelheit kennen. Pflanzen, die wissen, dass Zeit nicht nur vergeht, sondern sich auch ablagert — Schicht um Schicht, wie Erinnerungen, die sich sammeln.
Wenn ich vom einen zum anderen schaue, denke ich an die Jahre dazwischen: das Kind im Klavierzimmer, den Lernenden an der Ausstellung im Fabrikgebäude, die Jahrzehnte, in denen die Bilder nur in Gedanken existierten. Es ist, als hätten die beiden geduldig gewartet, bis ich alt genug bin, sie zu verstehen. Die Wege haben sich gekreuzt.
Vielleicht beissen sie sich, weil jede Pflanze ihre eigene Zeit mitgebracht hat. Zwischen ihnen entsteht ein stilles Feld, in dem Vergangenes und Gegenwärtiges sich berühren. Und ich bin selbst ein wenig wie eine überwinterte Pflanze, etwas windschief und verholzt.
Wenn ich sie anschaue, ist da Erfüllung, nicht laut, eher wie ein leises Einverstandensein mit dem, was war und dem was ist, gewachsen ist.
Es ist, als hätten die Bilder mich die ganze Zeit begleitet und nun hängen sie sich im Halbschatten gegenüber.
Das Licht im Wohnzimmer wird am Abend weich, ich bleibe zwischen beiden stehen.
(c) Marc P Sahli 2026
15. März 2026 |
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